Die Evaluation ist nicht der Eindringling im Projekt

Wie lässt sich ein Projekt kreativ und kompetent evaluieren? Wie gestaltet man eine Evaluation als Lernprozess für alle Beteiligten? Mit diesen Schlüsselfragen setzt sich aktuell das Evaluationsteam von euforia intensiv auseinander: euforia fördert als soziale Organisation mit Sitz in Genf das sinnhafte Engagement von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Ein aktuelles Projekt ist The Unleash Project – euforia bietet damit eine Plattform, um sich über innovative und zukunftsgerichtete Arbeitsmodelle auszutauschen. Der Austausch findet im Rahmen von regelmässigen Wochenend-Workshops statt, in denen junge Berufsleute, Fachpersonen und Arbeitgeber die Arbeitswelt von heute und morgen verbinden.

Das Evaluationsteam von euforia entwickelt in The Unleash Project aktuell ein Evaluationsdesign, welches Wirkung effizient messen und zugleich partizipative Lernprozesse fördern soll. socialdesign unterstützt euforia bei der Entwicklung und Anwendung dieses Evaluationsdesigns. Im Interview erzählt Luís Costa, Evaluator bei euforia, von «der Mission, Innovation in eine Evaluation zu bringen» – und teilt Herausforderungen, Schlüsselerkenntnisse und Erfolgsrezepte.

Luís, während den letzten Monaten habt ihr ein Evaluationsdesign für The Unleash Project entwickelt und laufend angewandt. Welche Ziele verfolgt ihr mit der Evaluation?

Wir verfolgen zwei übergeordnete Ziele: Erstens ist unser Ziel eine Evaluation, welche direkt in das Projekt eingebettet ist und allen Beteiligten laufend neue Erkenntnisse zur Weiterentwicklung des Projektes liefert. Zweitens wollen wir wissen, welche Wirkungen wir mit dem Projekt erzielen – auf diesen Wirkungen wollen wir aufbauen und darüber kommunizieren.

Ihr seid mitten im Projekt- und folglich Evaluationsprozess: Welche Zwischenresultate habt ihr in Bezug auf die zwei Hauptziele bereits erreicht?

Einerseits sind wir auf gutem Weg, ein Evaluationsdesign zu entwickeln, welches die Projektleitenden als Instrument für die ständige Projektoptimierung benutzen. Wir werten Erfolgsfaktoren und Verbesserungspotentiale nach jedem Workshop, welcher integraler Bestandteil des Projektes bildet, aus. Die daraus resultierenden Schlussfolgerungen und Empfehlungen teilen wir mit unseren Kollegen, welche das Projekt operativ leiten. Die Evaluation ist folglich kein Fremder oder Eindringling im Projekt, sondern harmonisch darin eingebettet. Unser zweites Ziel, die Wirkungsmessung, ist ein trickreicheres Unterfangen: Hier ist es wichtig, eine langfristige Perspektive einzunehmen und Daten über einen Zeitraum zu vergleichen. Erste Resultate zeigen uns, dass die Projektteilnehmenden neue Arbeitsmodelle und -ansätze, welche sie in Workshops erlernen resp. entwickeln, auch in ihrem Berufsalltag anwenden. Genau das wollen wir bewirken.

Evaluationen werden oft als ein Muss wahrgenommen. Im Gegensatz dazu habt ihr euch zum Ziel gesetzt, ein Evaluationsdesign zu entwickeln, welches die Werte eurer Organisation adäquat spiegelt – Werte wie freudvolles Engagement, Kreativität und «out-of-the-box»-Denken. Mit welchen Herausforderungen seht ihr euch bei diesem Prozess konfrontiert?

Die grösste Herausforderung besteht für uns darin, dass wir uns von konventionellen Methoden, mit denen Evaluationen meistens durchgeführt werden, lösen. Dahinter stecken ein Mentalitätswechsel und eine neue Denkart: Es geht nicht darum, laufend zu denken, dass man ein Projekt evaluieren muss oder – wie es viele von uns aus der Schulzeit kennen – Fehler und Mängel aufzudecken. Vielmehr geht es darum, zu reflektieren, welche Informationen allen Beteiligten helfen, aus Prozessen zu lernen und diese Prozesse kontinuierlich zu verbessern. Diese Denkart impliziert, dass Evaluationsteam, Projektleitende und Projektteilnehmende eng zusammenarbeiten und sich austauschen. Wir sind nach wie vor daran, die vielfach bestehende Lücke zwischen Projekt und Evaluation zu schliessen. Wie jeder Mentalitätswechsel erfordert dieser Schritt auch in unserer Organisation Zeit.

Was sind konkrete Methoden, mit welcher eine Evaluation aus eurer Sicht gemeinsames Lernen und Partizipation fördern kann?

Für The Unleash Project haben wir eine innovative Umfragemethodik entworfen: Die Umfrage basiert auf einem Online-Fragebogen, welcher Informationen mit farbigen Visualisierungen, bewegten Bildern und attraktiven Formulierungen generiert. Wichtig ist, dass wir dieses Instrument nicht mehr im klassischen Sinn als «Umfrage» bezeichnen, sondern ihm einen eigenständigen Namen geben: Der «Happymeter» besagt, dass uns mit der Befragung primär die Zufriedenheit der Projektteilnehmenden interessiert. Viele der Teilnehmenden äussern im Kommentarfeld explizit Begeisterung für das Befragungsformat, was uns in unserer Methodik bestätigt. Ein weiteres Schlüsselelement bilden für uns sogenannte Echtzeit-Evaluationsinstrumente: Wir nutzen ausgewählte Momente in der Projektumsetzung, um Daten zu erheben. Beispielsweise findet am Ende jedes Workshops eine Abschlussrunde statt. Für diese Runde stellen wir den Projektleitenden Methoden zur Verfügung, um Erfahrungen interaktiv mit den Teilnehmenden zu reflektieren – unsere Rolle als Evaluationsteam besteht anschliessend darin, die Inhalte aus diesem Debriefing systematisch zu analysieren.

Welche Unterstützung bietet euch socialdesign bei der Entwicklung eures Evaluationsdesigns?

Wir erleben die Zusammenarbeit mit socialdesign als Coaching, das uns befähigt, unsere eigenen Lösungen zu finden. socialdesign führt uns durch diesen Prozess, stellt Fragen und zeigt uns Möglichkeiten auf um dorthin zu gelangen, wo wir selbst hinwollen. Besonders intensiv und inspirierend sind die gemeinsamen Workshops: socialdesign sagt uns darin nicht, was wir tun sollen, sondern unterstützt uns, selber Antworten zu entwickeln. Als Resultat dieser Ko-Kreation ziehen wir für uns aus jedem Workshop viel neues Wissen und Inputs. In persönlicher Sicht hat die Zusammenarbeit mit socialdesign mein eigenes Interesse an einer Coaching-Tätigkeit geweckt. Ich begleite bereits jetzt andere Organisationen bei der Durchführung von Evaluationen und möchte dieses Engagement in Zukunft verstärken.

Während wir dieses Interview führen, sitzt du an deinem Arbeitsplatz in Portugal: euforia besteht aus einem Team mit Mitarbeitenden, welche in vielen verschiedenen Städten und Ländern arbeiten. Die Relevanz von Mobilität und ortsunabhängigen Arbeitsmodellen nimmt laufend zu – welches Rezept wendet euforia an, damit ‘remote work’ ein Erfolg ist?

Menschlichkeit und Wohlbefinden stehen bei uns an erster Stelle. Als Schlüsselzutat in unserem Rezept erachte ich unsere Retraiten: Das ganze Team von euforia trifft sich zweimal jährlich – im Frühjahr an einem schönen Ort in den Bergen, im Herbst am Meer. Während einer Woche arbeiten wir jeweils intensiv zusammen und lernen uns gleichzeitig beim gemeinsamen Kochen, Essen und vielen Aktivitäten persönlich besser kennen. Diese Verbindung befähigt uns, im Arbeitsalltag trotz räumlicher Distanz eng zusammenzuarbeiten. Im Alltag arbeiten wir oft mit moderner Kommunikation: Zu Beginn jeder Skype- oder Hangout-Konversation nehmen wir uns dabei Zeit, uns über unser aktuelles persönliches Wohlbefinden austauschen. Diese «personal checkings» sind unser Erfolgsrezept.

Vielen Dank für dieses Interview, Luís.

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