Interview mit Linda Greber

«Die Langzeitpflege fordert uns alle».

In unserem Interview spricht Frau Linda Greber (Leiterin der Abteilung Langzeitpflege im Bereich der Gesundheitsversorgung des Gesundheitsdepartements Basel-Stadt) über die Entwicklungen und Herausforderungen im Bereich der Langzeitpflege.

Linda Greber ist Juristin und besitzt einen Executive Master of Business Administration (EMBA). Sie ist seit Anfang 2016 Leiterin der Abteilung Langzeitpflege.

Die Abteilung Langzeitpflege plant, koordiniert und beaufsichtigt die baselstädtische Langzeitpflege und ist zusammen mit ihrem Team zuständig für die Pflegebedarfsabklärung im Kanton. Der Kanton Basel-Stadt besitzt keine eigenen Pflegeheime bzw. keine eigene Spitex, sondern arbeitet partnerschaftlich mit privaten Anbietern zusammen, meist sind dies Stiftungen.

Frau Greber, Sie kennen das Gesundheitswesen und insbesondere den Bereich der Langzeitpflege sehr gut. Welche neuesten oder existentiellen Entwicklungen beobachten Sie in diesem Bereich?

Seit der neuen Pflegefinanzierung, welche im Jahr 2011 in Kraft getreten ist, war es lange ruhig im Bereich der Langzeitpflege. Dies hat sich mit dem Entscheid des Bundesgerichts im Herbst 2017 geändert. Das Bundesgericht hat festgehalten, dass die Krankenkassen die Kosten für Mittel und Gegenstände (dies sind z. B. Pflaster, Verbände etc.) nicht mehr vergüten müssen. Wer diese Kosten künftig trägt, liess es offen. So hat nun jeder Kanton – zum Teil sogar jede Gemeinde – ihr eigenes System eingeführt. Weiter hat der Bundesrat diesen Sommer entschieden, dass die Pflegebeiträge der Krankenversicherer für die Pflegeheime erhöht und diejenigen für die Spitexleistungen per 1. Januar 2020 gesenkt werden.
Diese beiden Beispiele zeigen, dass die Langzeitpflege einerseits im Fokus der Versicherungen wie auch der Bundespolitikerinnen und Bundespolitiker angekommen ist. Somit ist davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren die Diskussion, wieviel uns die Langzeitpflege als Gesellschaft Wert ist, zunehmen wird und entsprechende strukturelle Änderungen in diesem Bereich erfolgen werden.
Aber auch die Kundschaft der Pflegeheime und Spitex ändert sich. Die individuellen Wünsche und Ansprüche werden weiter zunehmen und die Spitex sowie Pflegeheimanbieter fordern. Es ist anzunehmen, dass intermediäre Angebote (wie Tagesheime oder Kurzaufenthalte in Pflegeheimen) mehr an Bedeutung gewinnen werden.

Was sind aus Ihrer Sicht die heutigen oder auch künftigen Herausforderungen der Institutionen in diesem Bereich? Was brauchen diese Institutionen zum Überleben?

Die politischen und gesellschaftlichen Änderungen werden die Spitex- sowie Pflegeheimanbieter fordern. Eine der grossen Aufgaben für die Institutionen wird sein, agil zu bleiben und sich den jeweiligen Änderungen anzupassen. Trotz all den Änderungen muss der Betrieb sichergestellt werden, so dass unsere pflegebedürftige Bevölkerung die optimale Versorgung erhält.
Zusätzlich erschwerend kommt der Fachkräftemangel in der Pflege dazu. Aufgrund der demographischen Alterung ist davon auszugehen, dass die Institutionen sicherlich genügend Kundinnen und Kunden haben werden, jedoch wird das Management der unterschiedlichen Bedürfnisse (Personal, Bewohnende, Politik, Besitzer) anspruchsvoller.

Wie könnten diese Institutionen durch externe Expert/innen unterstützt werden? Oder anders gefragt: Was könnte aus Ihrer Sicht socialdesign dazu beitragen, dass diese Herausforderungen besser gemeistert werden können?

Gerade im Bereich des Fachkräftemangels ist es wichtig, dass die Pflegeheime und Spitexanbieter attraktive Arbeitgeber sind. Im Bereich der Teamentwicklung sowie in der Angebotsentwicklung kann für eine Institution oder eine Gemeinde Unterstützung sicherlich hilfreich sein. In vielen Gemeinden oder Bezirken ist die Langzeitpflege noch weitgehend unkoordiniert. Dies führt durch verfrühte Pflegeheimeintritte zu zusätzlichen Kosten für die Gemeinden. Gerade im Hinblick auf die demographische Alterung muss eine gewisse Koordination der vielfältigen Angebote angestrebt werden. In Basel-Stadt haben wir mit der obligatorischen Pflegeberatung gute Erfahrungen gemacht: Bei dieser wird anhand eines Beratungsgesprächs mit einer Pflegeberaterin der Stadt Basel der Pflegebedarf ermittelt (was benötigt diese Person an Pflege?). In die Beratung fliessen auch soziale (wohnt die Person alleine oder mit Partnerin/Partner?) und praktische Aspekte ein (z. B. eine 85-jährige Person, die in einem 5-stöckigen Haus ohne Lift wohnt, hat andere Voraussetzungen als die gleiche Person, die in einem Haus mit Lift wohnt). Das heisst, es gibt keine Abklärung, ob ein Pflegeheimeintritt überhaupt nötig ist, oder ob alternative Angebote wie Spitex, Tagespflegeheime oder Wohnen mit Serviceangeboten in Frage kämen. Beim Aufbau solcher Beratungsstellen kann es sinnvoll sein, wenn man externe Begleitung hat. Ebenso bei der Erarbeitung der Vision und Altersstrategie einer Gemeinde, da viele Gemeinden oder Bezirke keine Fachperson engagiert haben.

Vielen Dank für das Interview!

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