Metaevaluation zur Wirksamkeit gendersensibler Suchtarbeit

Interview mit Lisa Guggenbühl, Projektleiterin bei socialdesign.

socialdesign ag durfte im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) eine Metaevaluation zur Wirksamkeit gendersensibler Suchtarbeit durchführen. In der Zeitschrift “Suchtmedizin in Forschung und Praxis” (siehe Ausschnitt unten) ist ein entsprechender Artikel über die Ergebnisse dieser Metaevaluation erschienen. Lisa Guggenbühl, Projektleiterin dieses Mandats auf Seiten von socialdesign, erläutert im nachfolgenden Interview die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchung.

Lisa, was war das Ziel dieser Metaevaluation?

Wir hatten den Auftrag, zu untersuchen, inwiefern nachgewiesen werden kann resp. bisher nachgewiesen wurde, ob gendersensible Suchtarbeit wirksamer ist als nicht gendersensible Suchtarbeit.
Mit dieser Studie wollte das BAG gendersensible Organisationen in ihrem Engagement unterstützen, indem die Wirksamkeit dieser Arbeitsweise nachgewiesen wird sowie Anhaltspunkte für deren Weiterentwicklung identifiziert werden. Nicht-gendersensible Organisationen sollten zu gendersensibler Arbeit motiviert werden, indem die Wirksamkeit aufgezeigt wird. Und Kostenträger sollten durch den Wirksamkeitsnachweis zur Finanzierung entsprechender Angebote motiviert werden.

Wie seid ihr dabei vorgegangen?

Wir haben empirische Arbeiten (Forschungsarbeiten und Evaluationen), welche Aussagen zur Wirkung gendersensibler Suchtarbeit beinhalten, einer Metaevaluation unterzogen. Nebst wissenschaftlichen Studien haben wir bewusst auch praxisnahe Arbeiten, d.h. selbstevaluative Berichte von Suchthilfeinstitutionen der Schweiz, in die Metaevaluation mit einbezogen. Dies zum einen, weil die Zahl wissenschaftlicher Arbeiten zum Thema sehr gering ist, zum andern, weil wir gerade auch die in der Praxis vorhandenen Erfahrungen und Wissensbestände für die Analyse nutzbar machen wollten. Aber auch an die praxisnahen Arbeiten stellten wir den Anspruch, dass das Zustandekommen der Ergebnisse nachvollziehbar und plausibel ist.
Die zusammengetragenen Texte haben wir inhaltsanalytisch ausgewertet. Dabei haben wir erstens nach den Merkmalen gendersensibler Suchtarbeit, zweitens nach ihren Wirkungen und drittens nach den Erfolgsfaktoren gendersensibler Suchtarbeit gefragt.

Zu welchen Ergebnissen kommt die Metaevaluation?

Die Metaevaluation zeigt die Wirkungsweise gendersensibler Suchtarbeit auf: Gendersensibles Arbeiten begünstigt das Erreichen der Zielgruppen, schafft bessere Bedingungen für Veränderungsprozesse und unterstützt dadurch Verhaltens- und Einstellungsveränderungen. Dies wird erreicht mittels konsequenter Orientierung an den Bedürfnissen der Klientinnen und Klienten. Dazu gehören auch Überlebenshilfe, gezieltes Empowerment sowie eine gendergerechten Gestaltung der therapeutischen Angebote.

Wie lautet das Fazit der Metaevaluation?

Die beschriebene Wirkungsweise von gendersensibler Suchtarbeit zeigt, dass eine hohe Plausibilität dahingehend nachgewiesen werden kann, dass gendersensible Arbeit zu besseren Ergebnissen führt als nicht gendersensible Arbeit. Man kann also sagen, dass Gendersensibilität die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Suchtarbeit erhöht.

Jedoch ist dies nicht ohne weiteres zu beweisen. Voraussetzungen für den Nachweis einer höheren Wirksamkeit sind

  • ein gemeinsames Verständnis von Gendersensibilität
  • eine klare Abgrenzung zwischen gendersensibler und nicht-gendersensibler (jedoch professioneller) Arbeit
  • eine langfristig angelegte Wirksamkeitserhebung mit Kontrollgruppen

Die konsequente Orientierung an den Bedürfnissen der Klienten und Klientinnen ist eine weitere Voraussetzung für jede wirksame Suchtarbeit. Es stellt sich deshalb die Frage, ob sich gendersensible Suchtarbeit überhaupt klar abgrenzen lässt von nicht gendersensibler, ansonsten jedoch guter Suchtarbeit.

Bleibt das Interesse an gendersensibler Arbeit auch zukünftig bestehen?

Ich denke, dass trotz des Trends hin zu „Diversity Management“ auch in Zukunft das Interesse an gendersensibler Arbeit in der Praxis der Suchthilfe bestehen bleibt. So habe ich beispielsweise im vergangenen Jahr die Ergebnisse dieser Metaevaluation einer nationalen Organisation vorgestellt, welche im Suchtbereich aktiv ist, sowie einen Input an einer Konferenz über Glücksspielsucht in Deutschland präsentiert. Auch bestehen Informationsplattformen zu gendersensibler Suchtarbeit, wie zum Beispiel diejenige von Infodrog.

Wenn wir den gendersensiblen Faktoren, welche die Entstehung, den Verlauf und aber auch den Ausstieg aus einer Sucht beeinflussen können, weiterhin Aufmerksamkeit schenken, wird es uns auch künftig möglich sein, Angebote zu entwickeln, welche auf reale Bedürfnisse zugeschnitten sind. Allerdings ist es zentral, dass jeweils geprüft wird, ob der gendersensible zumindest Ansatz überhaupt für den jeweiligen Bereich geeignet ist. Insgesamt stellt die Gendersensibilität im Bereich der Suchterkrankung wie auch in der Suizidprävention eine wichtige Methode dar.

Vielen Dank, Lisa.
Das Interview wurde von Katja Schnyder-Walser, Projektleiterin im Bereich Projekte & Beratung bei socialdesign, geführt.

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