„Lausanne hat erfreuliche partizipative Verfahren in ihrer Stadtteil- und Quartierpolitik“

Am 10. Oktober 2018 hat in Lausanne eine Tagung zum Thema «Zwischen gewöhnlicher Stadt, Quartieren und Projekten: Diskussion zur Quartierpolitik und partizipativen Verfahren in Lausanne» stattgefunden. Dieser Erfahrungsaustausch wurde gemeinsam von der Stadt Lausanne und der Universität Lausanne organisiert. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg und konnte fast 120 Teilnehmende zusammenbringen, die in diesen Projekten in Lausanne und anderen Westschweizer Städten involviert sind. Unsere Projektleiterin, Dr. Cyrielle Champion, wohnte der Veranstaltung bei und berichtet im Interview über die wichtigsten Erkenntnisse.

Cyrielle, du hast an der Tagung teilgenommen. Worum ging es bei der Tagung und welche Fragen standen im Zentrum?

Seit mehreren Jahren betreibt die Stadt Lausanne eine aktive partizipative Politik. Das heisst, sie räumt den Quartieren und Stadtvierteln eine neue Rolle in der kommunalen Politik ein und ermöglicht ihnen dadurch, am städtischen Leben teilzunehmen und sich auszudrücken. Zu den bereits eingeführten partizipativen Instrumenten gehören beispielsweise die “Stadtviertelverträge” (Contrats de quartier) oder die so genannte “Caravane des Quartiers“. Viele dieser Instrumente wurden kürzlich Gegenstand externer Evaluationen.

Mit der neuen Legislaturperiode will die Stadt Lausanne ihre Quartierpolitik verstärken und die Beteiligung ihrer Einwohnerinnen und Einwohner zu einem vorrangigen Ziel machen. Im vergangenen März hat die Stadt Lausanne daher ein Programm verabschiedet, welches bestehende Elemente konsolidiert, also zusammenführt, aber auch neue Instrumente integriert. Das Programm umfasst verschiedene Aspekte, beispielsweise die Einführung eines partizipativen Haushaltsbudgets zur Sicherstellung eines finanziellen Zuschusses für Bürgerprojekte, die Schaffung einer Stelle für die Koordination dieser Politik oder die Schaffung einer kommunalen Delegation für die Quartierpolitik.

Die Tagung verfolgte verschiedene Ziele: Zunächst sollte eine Bestandesaufnahme der bestehenden Evaluationen vorgenommen werden. Weiter sollten die Ergebnisse der direkt betroffenen lokalen Akteurinnen und Akteuren (Mitarbeitende der Stadt Lausanne, Vertretende von lokalen Vereinen und Gesellschaften) bekannt gemacht werden. Zudem standen der Austausch und die gemeinsame Reflexion hinsichtlich der Fragen, inwiefern eine partizipative Politik nützlich und wirksam sein könnte, im Zentrum.


Inwiefern war socialdesign bei dieser Veranstaltung involviert?

socialdesign führte im Auftrag der Stadt Lausanne die Evaluation der «Caravane des quartiers» durch. Dabei handelt es sich um ein Instrument, das von der Stadt Lausanne unterstützt wird und die Beteiligung von Einwohnerinnen und Einwohnern und Nachbarschaftsgesellschaften in den Mittelpunkt des Ansatzes stellt. «Caravane des quartiers» ist eigentlich die Ablösung des ehemaligen Festivals von Lausanne (Fêtes de Lausanne) und findet mittlerweile alle zwei Jahre als kostenlose Veranstaltung statt. Dabei bietet die Caravane in jedem Stadtviertel, in welchem sie Halt macht, Wanderausstellungen, Konzerte oder ganz generell einfach Ausstellungen an. Ziel dieses Quartierfestivals, der Caravane des quartiers, war es zunächst, die Verbindungen zwischen Vereinen, Gemeinschaften und Bewohnenden eines Quartiers zu stärken, aber sie auch direkt in das Leben jedes Quartiers einzubeziehen. Konkret wurden die Bewohnerinnen und Bewohner sowie Vereine in jeder Phase auf drei Arten involviert: Als Organisatoren, als Teilnehmende und als Zuschauende der Veranstaltung.
Als Evaluatorin dieses Tools, also der Caravane des quartiers, wurde socialdesign eingeladen, die Ergebnisse der Evaluation an der Tagung zu präsentieren und am morgendlichen Rundentisch über diese Ergebnisse sowie Resultate aus bisherigen ähnlichen Mandaten zu diskutieren.

Zu welchen Erkenntnissen hat der Austausch an der Tagung geführt?

An der Tagung konnten eine Reihe von Herausforderungen identifiziert und diskutiert werden, denen es in den kommenden Jahren zu begegnen gilt. Beispielsweise stellt sich natürlich die Frage, inwiefern bestimmte Bevölkerungsgruppen Zugang finden können oder sich beteiligen können. Dazu gehören etwa Kinder oder Personen mit Migrationshintergrund, deren Stimme oft vergessen gehen kann. Weiter sind Fragen zu klären, wie man am besten über die Rahmenbedingungen eines Projektes kommuniziert und was die jeweiligen Rollen der Akteurinnen und Akteure ist. Dabei habe ich der Diskussion vor allem entnommen, dass es für die Wirksamkeit eines partizipativen Ansatzes wichtig ist, bereits zu Beginn transparent auf allfällige Grenzen eines Projektes, die aufgrund der Rahmenbedingungen bestehen, hinzuweisen. Zudem sollen partizipative Ansätze in der Lage sein, die Trennung zwischen top-down Prozessen (z.B. Steuerung durch die Verwaltung) und bottom-up Prozessen (z.B. die Idee der «allmächtigen» Bürgerinnen und Bürger) überwinden zu können und zu erkennen, dass alle Akteurinnen und Akteure (Verwaltung, Fachpersonen, Einwohnende und Vereine) eine Rolle in diesen Prozessen spielen müssen.

Wie beurteilst du die Politik von Lausanne im Bereich der Quartierpolitik und der partizipativen Ansätze?

In der Westschweiz ist Lausanne in den Überlegungen und Projekten in Bezug auf Quartierpolitik und partizipative Ansätze bereits sehr weit.
Im Rahmen des neuen Programms, welches letzten März verabschiedet worden ist, hat die Stadt Lausanne auch den Wunsch geäussert, die Beteiligung ihrer Einwohnerinnen und Einwohner zu verstärken und zwar in dem Sinne, dass es eine echte Beteiligung ist und nicht lediglich eine Alibi-Beteiligung. In diesem Punkt ist die Einführung eines partizipativen Budgets aus meiner Sicht besonders vorbildlich.
Weiter habe ich von der Stadt eine echte Bereitschaft wahrgenommen, zwischen den Abteilungen und den betroffenen Bereichen transversal zu arbeiten. Meiner Meinung nach ist dies von grundlegender Bedeutung, wenn es darum geht, auf Vorschläge zu reagieren, die auf der Sachkenntnis des Gebiets (z.B. durch Feldstudien) und der täglichen Realität der jeweiligen Quartierbewohnenden basieren. Als Spezialistin für institutionenübergreifende Zusammenarbeit ist dies ein Ansatz, den ich auch immer gefördert und befürwortet habe, auch wenn dies nicht immer der einfachste Weg ist.

Vielen Dank für dieses Interview.

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