Wirkungsmessung in Integrationsprogrammen

Interview mit Prof. Dr. Peter Neuenschwander, Dozent und Projektleiter an der BFH  mit dem Forschungsschwerpunkt Soziale Sicherheit und Integration.

Zusammen mit socialdesign hat Prof. Dr. Peter Neuenschwander ein Instrument zur Messung der Wirksamkeit von Integrationsprogrammen WiMe-Int© entwickelt.

Was war Ihre Motivation ein Instrument zur Wirkungsmessung von Integrationsprogrammen zu entwickeln und was möchten Sie damit erreichen?

Die Wirksamkeit von Integrationsprogrammen ist bis heute in der Fachwelt sehr umstritten. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass man sich nicht ganz einig ist, was Wirksamkeit in Integrationsprogrammen überhaupt bedeutet. Bis jetzt wurde die Wirksamkeit vorwiegend über harte Faktoren gemessen. Es wurde beispielsweise untersucht, ob eine berufliche Integration stattgefunden hat oder die Ablösung von der Sozialhilfe erreicht wurde. Dies hat uns dazu motiviert ein Instrument zu entwickeln, das die Wirksamkeit etwas vertiefter und systematischer analysiert, nachweist und vor allem auch die weichen Faktoren berücksichtigt. Mit dieser Grundlage haben wir dann im Rahmen eines von der KTI  (Kommission für Technologie und Innovation) geförderten Projekts das Wirkungsinstrument WiMe-Int© entwickelt, mit welchem auch weiche Faktoren miteinbezogen werden können und die Wirksamkeit auf eine andere Weise gemessen werden kann.


Wie und was überprüfen Sie mit diesem Instrument?

Wie erwähnt geht es bei dem von uns entwickelten Instrument darum, die Wirksamkeit von Integrationsprogrammen mit dem Ziel der beruflichen und sozialen Integration zu überprüfen. Bei der Überprüfung unterscheiden wir zwischen den folgenden sechs Wirkungsdimensionen: berufliche und materielle Situation, soziale Integration, Sprach- und Arbeitsmarkt-Kompetenzen, physische und psychische Gesundheit, Gesundheitsverhalten und Tagesstruktur sowie Motivation und Zukunftsperspektiven. In diesen sechs Wirkungsdimensionen wird anhand von 40 Indikatoren die Wirksamkeit nachgewiesen. Im Pilotprojekt mussten die Teilnehmenden beim Programmeintritt wie auch sechs Monate später beim Programmaustritt einen standardisierten Fragebogen mit vorwiegend geschlossenen Fragen ausfüllen. Bei den Auswertungen haben wir zwischen zwei Teilnehmergruppen unterschieden. Bei der einen Gruppe stehen die soziale Integration und die soziale Stabilisierung im Vordergrund. Die zweite Teilnehmergruppe strebt die berufliche Integration in den ersten Arbeitsmarkt an.


Zu welchen Ergebnissen sind sie bisher gelangt?

Bei der Teilnehmergruppe mit dem Ziel der sozialen Integration war es sehr spannend zu sehen, dass die gesundheitlichen Probleme während des Programms abgenommen haben. Dies schlägt sich zum Beispiel in der geringeren Anzahl von Arztbesuchen nieder. Die Teilnehmenden haben sich sowohl während als auch nach dem Programm weniger einsam gefühlt und verfügten über mehr Zukunftsperspektiven. Bei den Teilnehmenden mit dem Ziel der beruflichen Integration zeigt sich, dass diese Veränderungen in ihrer Tagesstruktur verzeichnen konnten. Sie stehen beispielweise früher auf oder essen regelmässiger. Diese Ergebnisse ergänzen natürlich die harten Faktoren, wonach 26% eine Lehr- oder Arbeitsstelle gefunden haben und weitere 26% eine Praktikumsstelle – was sehr guten Ergebnissen entspricht. Für uns war wirklich überraschend, dass im Gesundheitsbereich positive Veränderungen zu verzeichnen waren, da dies nicht ein direktes Ziel von Integrationsprogrammen ist.

Weiter konnten mithilfe der Rückmeldungen der Teilnehmenden Aussagen zum Profil der Programmteilnehmenden gemacht und gewisse Vergleiche gezogen werden. Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass Teilnehmende von Integrationsprogrammen im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung im Bereich Gesundheit schlechter abschneiden, die psychische Belastung höher und der Ausländeranteil grösser ist.


Wie werden die Resultate weiterverwendet und wem bringen diese einen Nutzen?

Der Nutzen der Resultate liegt zuerst bei den fünf beteiligten Programmanbietern, die an der Studie mitgemacht haben. Diese werden anbieterspezifische Auswertungsberichte von uns erhalten, in welchen ersichtlich ist, wie ihre Integrationsangebote abschneiden im Vergleich zu den anderen Anbietern. In Zukunft werden wir unser Instrument auch anderen Organisationen zur Verfügung stellen können. Erste Interessenten haben sich bereits bei uns gemeldet. So können zwischen den verschiedenen Anbietern weitere Vergleiche gezogen werden und die jeweiligen Programme können so optimiert und weiterentwickelt werden.


Warum haben Sie dieses Produkt zusammen mit socialdesign entwickelt?

Wir hatten die Idee schon lange mit uns herumgetragen und das Projekt hatte eine relativ lange Vorlaufzeit. Um eine Finanzierung durch die KTI zu realisieren, benötigt es einen Hauptumsetzungspartner, der das im Rahmen des Projekts entwickelte Produkt schlussendlich vermarktet. Wir haben verschiedene Forschungs- und Beratungsbüros angefragt, darunter auch socialdesign. Andreas Dvorak war der einzige, der von Anfang an von unserer Idee und unserem Vorhaben begeistert war. Nach dem ersten Treffen mit Andreas Dvorak  und Reto Jörg  war klar, dass die Zusammenarbeit nicht nur fachlich, sondern auch zwischenmenschlich passen würde. Dies hat sich auch schon in anderen Projekten, welche die BFH zusammen mit socialdesign durchgeführt hat, niedergeschlagen.

Wir bedanken uns bei Prof. Dr. Peter Neuenschwander für das interessante Gespräch!

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